
- Blick von den Weinbergen am Fellbacher Lämmler - Schnaitmann
Die h-Moll-Messe von Bach scheint seinem Wein besonders gut zu bekommen. Genau untersucht hat Rainer Schnaitmann die Wirkung der klassischen Klänge in seinem Weinkeller zwar noch nicht. Schaden können sie aber auf keinen Fall, meint er. Und so läuft im Gewölbe des Fellbacher Winzers den lieben langen Tag klassische Musik, Mozart, Beethoven und immer wieder Bach. Gelegentlich zündet der Klassikliebhaber dazu auch noch die Kerzen in dem mächtigen Leuchter an, der über seinen schweren Barriquefässern hängt. Das volle Verwöhnprogramm ist gerade gut genug für seine Weine - und stimmungsvoll ist es obendrein. Die Philosophie des 41-jährigen Winzers folgt einem schlichten Prinzip: Der Wein muss Spaß machen. Beim Trinken sowieso, aber auch vorher schon.
Schnaitmanns Weine sind Kult
Gemessen am Erfolg muss er einigen Spaß haben, der „Aufsteiger des Jahres“, zu dem ihn die Allgemeine Frankfurter Sonntagszeitung unlängst gekürt hat. Wieder einmal. Seine Weine sind Kult, steht ihn der Laudatio. Mit seinem 2007er Trollinger „Alte Reben“ habe er neue Maßstäbe gesetzt, seine Spätburgunder seien berühmt und seine Sauvignon Blancs aufsehenerregend. Das kennt er inzwischen, die überschäumenden Kritiken. Der Hamburger Wein Salon etwa feierte Schnaitmann bereits 2003 als „Entdeckung des Jahres“, die Zeitschrift Der Feinschmecker setzte ihn beim Pinot-Cup auf den ersten Platz, der „Stern“ nahm ihn in die Liste der besten hundert Weingüter in Deutschland auf und der Vinum-Rotweinpreis hängt zusammen mit vier von fünf Gault-Millau-Trauben auch in seinem Verkaufsraum, gleich neben dem „Bunte“-Award.
Mehr geht kaum. Umso bemerkenswerter mutet es an, dass der Überflieger eigentlich aus der Art schlagen und Architektur studieren wollte. Dann entschied er sich aber doch für die Familientradition und studierte Weinbau und Oenologie in Geisenheim. Als 28-Jähriger übernahm er dann das Weingut des Vater und trat gleich einmal aus der Genossenschaft aus, von der die Schnaitmannschen Trauben bis dahin gekeltert worden waren. „Ich wollte gleich zu Beginn ein Zeichen setzen, etwas ganz Neues machen“, sagt Schnaitmann. „Sonst hätte ich als junger Betrieb kaum eine Chance gehabt“.
Gegen allen Widerstand das Barriquefass eingeführt
Denn die Konkurrenz ist groß im Remstal. Zu den vielen traditionsreichen Betrieben gehört auch das Weingut Ellwanger: Nicodemus Ellwanger war 1514 der Erste, der hier nachweislich Weinbau betrieb. Seither ist viel Wasser die Rems heruntergeflossen, in den Adern der Ellwangers fließt immer noch Wein. Seniorchef Jürgen Ellwanger hat den Betrieb zwischenzeitlich an seinen Sohn abgegeben, 40 Stunden in der Woche packt er aber immer noch mit an. Der Weinbauer aus Winterbach gilt als Pionier und Revoluzzer, seit er nicht nur den Zweigelt aus dem österreichischen Burgenland gegen allen Widerstand im Remstal eingeführt hat, sondern auch das französische Barriquefass. Holzwurm haben sie ihn deshalb früher geschimpft, heute liegen die Eichenfässer längst bei jedem Remstaler Winzer im Keller. Das Fass allein macht aber noch längst keinen guten Wein, sagt Ellwanger: „Qualität erzeugt man im Weinberg, im Keller werden nur die Fehler gemacht.“
Allzu viele hat Jürgen Ellwanger sich davon offenbar nicht geleistet. Vor allem sein Rotwein zählt zu den ganz großen in Deutschland, allen voran der Nicodemus. Die Deutschen Rotweinpreise, die das Weingut jedes Jahr mit anderen Auszeichnungen sammelt, hängen im Dutzend an der Wand des Verkaufsraums, dem ehemaligen Pferdestall des Bauernhofs. In guten Jahren, wenn sie vom Hagel verschont bleiben, werden hier 250 000 Liter abgefüllt, 35 verschiedene Weine produziert der Betrieb.
Das Herz des Remstals schlägt im Vierteltakt
Der Wein ist die Seele des Remstals, und er ist auch ihr Herz, das im Vierteltakt schlägt. Weltberühmt ist der Landstrich durch seine großen Gewächse geworden, entsprechend groß ist zwischenzeitlich auch die touristische Nachfrage. Vor 16 Jahren wurde von einigen Städten, Gemeinden und Weingütern der Tourismusverein Remstal-Route gegründet, um die Vermarktung der Region zu bündeln und gemeinsame Angebote zu schaffen. 47 Weingüter und Genossenschaften haben sich dem Verband zwischenzeitlich angeschlossen, knapp 800 Hektar Remstaler Rebflächen werden überwiegend von ihnen bewirtschaftet.
Der Vater des Württemberger Weinwunders
Zu den Traditionsbetrieben mit großem Namen zählt auch das Weingut von Gert Aldinger. Für viele ist er der Vater des württembergischen Weinwunders. Er ist ein Perfektionist, der aus allen seiner 25 Weine das Optimum an Qualität herausholen will - ohne dabei den Pfad der Tugend zu verlassen. „Wir suchen die natürliche Balance im Wein, die das sortentypische Aroma widerspiegelt“, betont er. Die Reben bis auf den letzten Tropfen auszumosten, das würde ihn um den Schlaf bringen. „Je weniger wir runterholen, desto intensiver schmeckt der Wein“, sagt er. Das Wissen um den guten Geschmack wird hier schon seit 15 Generationen und mehr als 500 Jahren weitergegeben – und es wird munter experimentiert. An einem „Cuvée S“ beispielsweise, den Aldinger aus drei Sauvignon Blancs unterschiedlicher Lagen komponiert hat. Seinerzeit ein Frevel im Württemberger Land, zwischenzeitlich längst preisgekrönte Spitzenkreszenz.
5000 Flaschen Rosé nach Las Vegas geliefert
Dass die Dichte an exzellenten Winzern im Remstal so groß ist wie in kaum einem anderem Landstrich, wird hier durchaus als befruchtend empfunden. „Platz gibt es genug, und jeder hat seine eigene Philosophie“, findet Rainer Schnaitmann, der Senkrechtstarter unter den Weinbauern. Inzwischen exportiert er einen Teil seiner 130 000 Flaschen, die er jährlich produziert, sogar nach England und in die USA. In New York wird sein Simonroth Spätburgunder in den Zweisterne-Restaurants für 160 Dollar verkauft. Und er kürzlich hat er 5000 Flaschen Rosé nach Palm Springs und Las Vegas geliefert, erzählt er stolz. Nachschub für die Hochzeitssuite.
